Am 19. April 2026 hat Köln beim ersten Ratsbürgerentscheid der Stadtgeschichte mit 57,39 Prozent für eine Olympiabewerbung der Region KölnRheinRuhr gestimmt. Das Ergebnis stand spät in der Nacht fest – Köln war die letzte der 17 abstimmenden Kommunen in NRW. Das demokratische Ergebnis respektieren wir. Wir tun das nicht leichten Herzens, aber es ist das Ergebnis eines legitimen demokratischen Prozesses und das zählt.
Gleichzeitig: 42,6 Prozent der Kölnerinnen und Kölner haben Nein gesagt. Das sind Zehntausende Menschen mit berechtigten Fragen – zu Kosten, zu Klimafolgen, zu den Konsequenzen für unseren Grüngürtel. Diese Stimmen werden wir in den kommenden Jahren im Planungsprozess sichtbar machen
Was die Zahlen wirklich sagen
Das ist kein Argument gegen die Legitimität des Ergebnisses – Bürgerentscheide funktionieren nun einmal so. Es ist aber ein Argument dafür, diese Entscheidung mit der gebotenen Zurückhaltung zu behandeln und nicht als breites gesellschaftliches Mandat zu vermarkten.
OB Burmester hat Recht, wenn er Köln die „höchste Wahlbeteiligung in NRW“ bescheinigt – 39,68 Prozent der rund 812.000 Abstimmungsberechtigten haben ihre Stimme abgegeben. Das ist tatsächlich ein Rekord im NRW-Vergleich dieses Bürgerentscheids. Doch diese Zahl verdient eine nüchterne Einordnung.
Denn die vielzitierten 57,39 Prozent Ja-Stimmen beziehen sich auf die abgegebenen Stimmen. Gemessen an allen Wahlberechtigten ergibt sich ein anderes Bild: Nur rund 23 Prozent der abstimmungsberechtigten Kölnerinnen und Kölner haben aktiv mit Ja gestimmt – nicht einmal ein Viertel. 184.523 Ja-Stimmen stehen 627.847 Menschen gegenüber, die entweder Nein sagten oder sich nicht beteiligten.
Dieses Ergebnis wurde mit erheblichem Aufwand erkauft. Nach Recherchen der Sportschau investierten allein die am Verbund KölnRheinRuhr beteiligten Kommunen und das Land NRW zusammen rund 17 Millionen Euro in Konzepterstellung und Bürgerbeteiligung. Hinzu kamen laut Angaben des Kölner Sportdezernats 250.000 Euro der Stadtverwaltung für „kommunikative Maßnahmen“ – sprich: für Öffentlichkeitsarbeit zugunsten eines Ja. Das Land NRW investierte zusätzlich rund 2,5 Millionen Euro in eine Werbekampagne, deren Plakate an jeder Bushaltestelle zu lesen waren: „Dein JA schreibt olympische und paralympische Geschichte.“ Eine ausgewogene Informationskampagne sieht anders aus.
Gleichzeitig engagierte sich OB Burmester persönlich und öffentlich für ein Ja und verband damit ausdrücklich die Zukunft Kölns. Kritische Stimmen, Gegenargumente und offene Kostenfragen kamen in der offiziellen Kommunikation kaum vor.
Der Abend selbst verlief nicht reibungslos. Der Livestream der Veranstaltung brach zwischenzeitlich ab – was im Netz prompt kommentiert wurde: „Ihr wollt Olympische Spiele organisieren und schafft keinen Stream.“ Die Hohenzollernbrücke, die bei Vorliegen des Ergebnisses in olympischen Farben erstrahlen sollte, konnte erst um 23:21 Uhr beleuchtet werden – zu einem Zeitpunkt, zu dem die meisten Kölnerinnen und Kölner bereits schliefen. Das Endergebnis selbst wurde erst um 3:01 Uhr offiziell bekannt gegeben.
Was dieser Bürgerentscheid wirklich bedeutet – und was nicht
Es ist wichtig, das Ergebnis einzuordnen: Köln ist eine Runde weiter – mehr nicht. Die eigentliche Frage, ob Olympia tatsächlich nach NRW kommt, ist noch völlig offen.
Denn KölnRheinRuhr ist nicht allein im Rennen. Es bewerben sich vier deutsche Regionen beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) um die nationale Kandidatur:
- Berlin
- Hamburg
- München
- KölnRheinRuhr
Der DOSB wird bis September 2026 die Konzepte auf Plausibilität prüfen. Im Dezember 2026 werden die überzeugendsten Konzepte der DOSB-Mitgliederversammlung vorgestellt. Erst danach entscheidet eine außerordentliche DOSB-Mitgliederversammlung, welche Region die offizielle deutsche Kandidatur erhält. Für welches Jahr Deutschland sich bewirbt – 2036, 2040 oder 2044 – steht ebenfalls noch nicht fest.
Die Chancen, dass Olympia am Rhein stattfindet, sind also alles andere als gesichert. Berlin und München sind im internationalen Renommeé starke Mitbewerber, Hamburg ist logistisch gut aufgestellt. Hamburg hält seinen Bürgerentscheid noch Ende Mai 2026 ab – und angesichts des knappen Neins von 2015 ist ein erneutes Nein dort keineswegs ausgeschlossen.
Unsere inhaltliche Position bleibt bestehen
Ein demokratisches Ergebnis bedeutet nicht, dass die sachlichen Einwände vom Tisch sind. Sie bleiben weiterhin gültig:
Das Konzept für KölnRheinRuhr sieht ein temporäres Olympiastadion mit olympischem Dorf vor – als Standorte werden Köln und Essen genannt. Im Kölner Norden bedeutet das konkret: bis zu 88 Hektar Fläche, die heute als Kaltluftentstehungsgebiet, Landwirtschaftsfläche und Naherholungsraum dienen, stünden unter Verwertungsdruck. Dabei hat Köln den Klimanotstand ausgerufen und will bis 2035 klimaneutral sein.
Die Kostenfrage bleibt unbeantwortet. Paris 2024 war ursprünglich mit 2,44 Milliarden Euro kalkuliert – die tatsächlichen Kosten lagen bei über 6,6 Milliarden Euro. Für Köln, das bereits die Sanierung der Oper (über 1,5 Milliarden Euro), den Bau der Nord-Süd-Stadtbahn und zahlreiche weitere Infrastrukturprojekte zu stemmen hat, ist das keine abstrakte Zahl.
Zum Zeitpunkt der Abstimmung lagen weder belastbare Kostenpläne noch Umweltverträglichkeitsprüfungen vor. Der SPD Ortsverein Lindweiler hat in einem offenen Brief an den DOSB genau auf diesen Punkt hingewiesen: Transparenz und Verantwortung müssen vor einer so weitreichenden Entscheidung stehen – nicht danach.
Was jetzt zu tun ist
Die nächsten Monate werden entscheidend sein. In den Planungs- und Prüfungsverfahren beim DOSB werden konkrete Standortentscheidungen fallen. Genau dann braucht es informierte, engagierte Bürgerinnen und Bürger, die Fragen stellen und Antworten einfordern.
Bleibt informiert: Auf unsergruenguertel.de verfolgen wir die Entwicklungen und informieren, sobald konkrete Planungen für den Kölner Grüngürtel und den Kölner Norden publik werden.
Nutzt den Grüngürtel: Radelt, spaziert, picknickt – und zeigt damit, was wir schützen. Der Grüngürtel ist nicht irgendeine Freifläche. Er ist das grüne Rückgrat dieser Stadt, Erholungsraum für hunderttausende Menschen und ein unverzichtbarer Baustein für das Kölner Stadtklima.
Der Bürgerentscheid ist abgeschlossen. Der Kampf für den Grüngürtel beginnt jetzt erst richtig.
